Der Titel des Protagonisten lässt anderes vermuten, doch das bevorzugte Instrument der Analvioline ist nur im weitesten Sinne der Gruppe der Streichinstrumente zugehörig. Es handelt sich um den gemeinen "Vorwurf".

Dass dieser dazu nutzt anderen Menschen etwas "auf's Brot zu schmieren", ist hinlänglich bekannt. Damit wäre die Assoziation "streichen" in diesem Zusammenhang auch schon erschöpft.
Der Vorwurf ist ein gar mächtiges Instrument. Eines, das nicht selten erhebliche klimatische Schädigungen verursacht. Dies begründet sich in Funktionsweise und Beschaffenheit des Vorwurfs – und natürlich in seinem Einsatzzweck. Vorwürfe sind übrigens immer gemein.
Vorwürfe können einzig für Vergangenes angewendet werden. Sie dienen aber niemals zur Bewältigung der Geschichte, sondern um selbige ungefragt aufzuwärmen – um sie dem Anderen, ob er mag oder nicht, ins Gedächtnis zu rufen. Vorzugsweise die, der vollendeten Gegenwart. Gerne mit einer begleitenden theatralischen Note versehen.
Kaum ist der Teller auf dem Boden zerschellt, oder die Fünf in Mathe dem Erziehungsberechtigten offenbart, schon ist beides Geschichte – und somit vorwürfig verwertbar.
"Kannst du nicht aufpassen?", ist die Trivialform des Spontanvorwurfs beim gravitationsbedingten Tellertod. "Ist es denn zu viel verlangt, einmal ins Mathebuch zu schauen?", so der suggestivfrageförmig verpackte latente Versagensvorwurf zur Mathearbeit.

Diese Beispiele bewegen sich aber auf lächerlich niedrigem Niveau. Es mangelt an Biss und kreativer Boshaftigkeit. Ein gut betontes "Was machst du denn da schon wieder?", klingt schon besser. Dieser geschickt formulierte Tellernachruf integriert den Vorwurf der Wiederholungsblödheit beim Abtrocknen und kann auch eingesetzt werden, wenn der ungeschickte Tellerfallenlasser noch niemals einen Teller ermordet hat.

Doch der Vorwurf bietet weit mehr, als auf den ersten Blick zu erahnen ist. Weit mehr, als den Nächsten ein wenig anzustänkern. Er verfügt nämlich über eine Intelligenz zuweisende auf seinen Anwender gerichtete Gut-Option. Wer anderen Vorwürfe macht, der fühlt sich als erhabener, die Situation kontrollierender Wissender. Ganz ohne dies weiter begründen zu müssen.
Während man mit dem "Lob" wohl klimatisierte Motivation verursacht, mit "konstruktiver Kritik" eine intelligente Auseinandersetzung mit einer Situation provoziert, und mit "Verständnis" oder "Fürsorge" eine Vertrauensbasis schafft, gelingt es mit dem Vorwurf den Gegenüber, vermittels eines einfachen spielerischen Satzes, zum "relativen Idioten" zu deklarieren und ihn mit verbalen Mitteln in den Schwitzkasten zu nehmen. Ein geiles Machtinstrument, das auch rhetorisch Unbegabten zugänglich ist.

Somit lässt sich der Vorwurf in nahezu jeder Lebenssituation anwenden. Mit ihm gelingt es zuverlässig andere herabzuwürdigen, ihnen unter dem Deckmäntelchen der "wissenden Besorgnis" möglichst vor Publikum ans Bein zu pinkeln und sich selbst ein gehöriges Gewicht beizumessen.
Personen, die das Instrumentarium des Vorwurfs virtuos beherrschen, zählen vornehmlich zur Gattung der "Analviolinen". Dem Proletariat ist diese gemeinhin als "Arschgeige" bekannt. In akademisch belichteten Kreisen darf auch von der "Rektalfidel" gesprochen werden.

So gesehen ist der praktizierte Vorwurf auch ein soziales Bekenntnis – ein charakterlicher Offenbarungseid. Es gibt Berufszweige, deren Dasein einzig auf der Äußerung von Vorwürfen zu fundieren scheint. Beispielhaft sei an dieser Stelle die Politik genannt. Also Polit-Menschen, die Ihresgleichen vorwerfen nicht gut gehandelt zu haben. Einzig zum Zweck, die Güte des eigenen "Ichs" zu plakatieren. Aber auch in der spannungsgeladenen achtungsfreien Beziehung, der verständnislosen Pädagogik oder beim Auftritt minderbegabter Führungskräfte dient der Vorwurf dem Eingeweihten zur Analviolinenerkennung.
Selten spielt die Analvioline nur ein einziges Instrument. Ebenso vorzüglich wie den Vorwurf, beherrscht sie auch die Intrige und die Missachtung, sowie nahezu jedes Instrumentarium, das ihr dienlich ist, ihr "Ich" über das ihrer Mitmenschen zu erheben.

Der Preis, den sie für ihr Tun bezahlt, ist ein Festpreis. Einer der sich über Jahrhunderte jeglicher Inflation und Bewertung entzieht. Dieser Preis ist geldwertfrei. Es ist der Verzicht auf menschliche Anerkennung, Liebe und Harmonie.

Ein überaus fairer Preis, wie ich finde.

 

Joomla templates by a4joomla