"Klar doch, machen wir Datenschutz – und wie. Aber ich kann ihre Daten erst schützen, wenn ich sie gesammelt habe. Je mehr Daten ich von ihnen habe, desto mehr kann ich schützen. So ist das." Manche können aber auch echt Fragen stellen.

Früher, da hat man seine Daten noch von Hand auf ein Papier gebracht. Und dann sind die Daten ganz gemütlich mit der Post zu dem gepostelt, den man namentlich vorn auf das Kuvert geschrieben hat. Ja ja, so war das, damals. Heute sind Daten nur noch sauschnell und flüchtig.
Datenschutz könnte man glatt vernachlässigen, wenn das mit dem Tatenschutz richtig funktionieren würde. Tatenschutz ist aber etwas wirklich Schwieriges, weil Mensch da nachdenken muss.

Du surfst im Internet und da poppt dir so ein Pop-Up-Fenster vor die Nase. Die Dinger heißen so, weil sie vor dir aufpoppen. Wie aus dem Nichts. Und da steht dann, was du unbedingt wissen solltest:

Die Top-Ten der Suchberiffe im Internet.

1. Britney Spears
2. Routenplaner
3. Sex
4. Gehaltsvergleich
...

Vielleicht wollte ich das schon immer wissen. Es hat mich nur noch niemand darüber informiert.

Britney Spears – damit kann ich ja gar nichts anfangen. Ich mag Marla Glen oder die Wise Guys. Also Menschen, die ihr Publikum besingen und nicht behüpfen. Oder die gar Zeitungen Skandal-verschlagzeilen. Ich meine die Zeitungen mit den großen Buchstaben drauf.

Routenplaner – so etwas würde ich nie suchen. Ich fahre Bahn, was soll ich denn Routen planen? Meine Bahn fährt immer nur auf den Schienen, egal was ich routenplane.

Sex – oh je. Wer sucht denn so was im Internet. Und was macht man, wenn sich da etwas findet? Soll man dann den Bildschirm anflirten oder bekuscheln?

Gehaltsvergleich – aha. Jetzt wird's interessant.
Wenn mich das jemals interessiert hätte, dann hätte ich bei einem Kneipenabend meine Kumpels fragen können. Wie es denn so aussieht, auf ihrem Gehaltszettel, am Monatsende. Irgendwie scheint es mir aber doch verlockend.
Spontan klicke ich auf 'Gehaltsvergleich' und werde postwendend mit einem prächtigen Ergebnis belohnt. Super sag ich nur. Gleich die erste Seite ein Volltreffer. Hier kann ich einen richtigen Gehaltsvergleich machen. Was ist das Internet doch schön.
Nach einem überschwänglichen Glückwunsch-Text dazu, auf dieser wunderbaren Gehaltsvergleich-Seite gelandet zu sein, geht es sofort zur Sache. Und da ich es wissen will, wie wertig denn mein Einkommen so ist, bekommt mein potentiell funktionsuntüchtiges Internet-Benutzer-Gehirn gleich eine erste 'Datenschutz versus Tatenschutz' – Aufgabe gestellt. Dazu muss man wissen, dass das Internet den Menschen, der an der Tastatur sitzt, in den Monitor glotzt und mit dem Zeigefinger die Maus beklickt, in eine Art Hirntod versetzt.
Um mein Gehalt mit was auch immer vergleichen zu können, braucht die Webseite meinen vollen Namen, meine Adresse, mein Geburtsdatum, meinen Beruf und mein Monatseinkommen.

Noch bevor ich dazu komme meinen Vornamen zu tippen, sagt ein leises Stimmchen in meinem Kopf: „Oha – denk mal nach, du klickomaner Etwas-wissen-Woller. Wozu braucht dieses Gehaltsvergleichsprogramm denn deine Adresse und dein Geburtsdatum – häää?“

Ich höre auf mein inneres Stimmchen, auch wenn es nur ganz leise spricht.
Ich denke.
Weil ich den Nett-Menschen, der diese schöne Seite ins Internet gestellt hat, nicht gänzlich enttäuschen möchte, tippe ich aber trotzdem einen richtig schönen Namen ein und eine tolle Adresse noch dazu:

Vorname, Nachname: Dölerich, Hirnfidler
Straße und Hausnummer: In der Synapsenlähmung 13
PLZ Wohnort: 12345 Kognital der Tränen
Geburtsdatum: 20.03.1770
Beruf: Nachdenker, Schreiberling und Hypochonder
Monatseinkommen: Hungerlohn


Das scheint jetzt ein wenig übertrieben, aber Dölerich Hirnfidler gibt (oder besser, gab) es wirklich – und auch das Alter ist OK. Den Dölerich hab ich mir von Walter Moers geborgt. Aus der Stadt der träumenden Bücher. In Wahrheit versteckt sich hinter dem Namen der Friedrich Hölderlin – nur die Buchstaben sind ein wenig verschoben. Und der wäre ziemlich genau 240 Jahre alt.

Zwischenzeitlich funktioniert meine Denke wieder einwandfrei. Mein Stimmchen hat mich in letzter Sekunde vor der dummen Tat bewahrt. Hätte ich da mal nur meine echten Daten eingegeben, so ganz und gar ohne Datenschutzbelehrung und Nutzungsbeschränkung. Eine solche ist auf der Seite nämlich nicht zu finden. Dann wären meine Daten quasi weggeflutscht. Ein Mausklick und die sausen nach Irgendwo.
Der Computer in Irgendwo wertet meine Daten dann aus. Im Gegensatz zu Menschen sind Computer nämlich schlau. Die machen bei weitem nicht so viel Mist wie ein Internet-Benutzer mit den Fingern auf der Tastatur. Jedenfalls hätte der meinen gedankenlos verschenkten Datensatz gleich mal mit dem Online-Telefonbuch und einigen anderen Datensätzen abgeglichen, die ich bei vergangenen Internetsitzungen idiotischer Weise in die Freiheit entlassen habe. Verifiziert, dass es mich Trottel wirklich gibt. Diese Datensätze um das Geburtsdatum, mein Gehalt und meinen ausgeübten Beruf ergänzt – und abspeichert.
Aber jetzt soll der erst mal versuchen ob er herausbekommt, wo der Dölerich Hirnfilder wohnt.

Der Datengrabscher verdient zwar kein Geld mehr mit meinen Daten, weil er sie nicht verkaufen kann, aber er kann nun ein echt gutes Gewissen haben. Ich habe nämlich dafür gesorgt, dass er sich nicht strafbar macht. Ist das nicht schön?
Zudem hab ich ihm eine Menge Arbeit erspart. Daten schützen ist eine ziemlich aufwändige Sache.

Ich fühle mich total gut. Durch ein klein wenig Nachdenken habe ich böse Taten verhindert.

Das kann jeder. Einfach seine Daten für sich behalten – die gehen ja auch niemanden was an.
Das ist dann echter Tatenschutz.

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